Erst Züge im Zug, dann Zug um Zug
Das Finale der 2. Bundesliga Mitte in Graz. Gleichzeitig treffen sich in St. Veit/Glan die Teams der ersten Liga zu ihren letzten Runden. Manche Vereine der zweiten Liga nutzen die Gelegenheit, ihre Budgets zu schonen. Zumal es für sie um nichts mehr geht. Daher sind die finalen Wettkämpfe nicht mehr ganz so stark besetzt wie die Runden davor. Der Attraktivität des Events tut dies jedoch keinen Abbruch.
Wir blenden kurz zurück in den März 2025. Damals machte sich eine kleine, feine Fandelegation mit dem Zug auf nach Graz. Wir erinnern uns gerne. Wird es uns gelingen, dies in punkto Unterhaltung noch einmal zu toppen? Ich darf es vorwegnehmen: Es wird!
Freitag, 8 Uhr früh am Bahnhof Linz. „Wo ist der Landesliga-Captain?“, fragen sich Peter und ich. Wo in diesem eigenartigen Zug (dieser „Komfort“ wird einem geboten, wenn man von der drittgrößten in die zweitgrößte Stadt Österreichs reist?!?) sind unsere Plätze? Nur Joachim weiß Bescheid. Der kommt wie üblich knapp, aber doch. In Traun steigt noch Michael zu, und wir sind komplett. Die gleiche Crew wie letztes Jahr. Die echten Spieler reisen mit dem Auto an. Wir aber frönen bereits im Zug dem lustigen Spiel: erst Würfelschach (nicht zu empfehlen für Würfelallergiker), danach das allseits bekannte Brain and Hand. Wobei die Herausforderung dabei die Übertragung vom Brain des Einen zur Hand des Anderen ist – das geht leider nur über das Brain des Anderen, und das wiederum tickt oft anders. Klingt kompliziert. Ist es auch. Jedenfalls kriegen wir von der Zugfahrt selbst kaum was mit.
In Graz heißt es dann für Joachim und mich: Einsatz um 14 Uhr. Wir bekommen es mit dem punktelosen Tabellenletzten zu tun, den tapfer kämpfenden Klagenfurtern, die – wie sie uns nach dem Match verraten – gar nicht aus ihrer Landesliga aufsteigen wollten. Doch da haben sich jene durchgesetzt, die dann selbst kaum spielten … Wie nicht anders zu erwarten, fahren wir einen ungefährdeten Sieg ein. Ich steuere nach einer fehlerlosen, aber auch nicht allzu anspruchsvollen Partie das erste ganze Pünktchen bei. Auch die anderen Partien sehen mit Ausnahme von Brett 2 durchwegs gut aus. Jakob entwickelt Druck auf die weiße Stellung, aber auch nicht mehr. Weiß verteidigt sich geschickt, remis. Flo muss leiden. Von Anfang an schwere Atemnot für seine Königsstellung. Um den Asthma-King zu retten, muss er die Queen für einen Turm geben. Er wehrt sich zwar wacker, aber sein Gegner spielt die Partie sicher nach Hause. Alois spielt ein seriöses Match, setzt sein Gegenüber immer mehr unter Druck und finalisiert überzeugend. Reini gerät aus einer symmetrischen Stellung plötzlich in die Defensive. Um dann umso beherzter zu kontern. Sein Wanderkönig wird nicht matt, sondern setzt sein Gegenüber quasi außer Gefecht. Am Schluss droht dann Matt durch Abzug des Königs. Auch nicht alltäglich. Und Joachim spielt endlich wieder eine überlegene Stellung fehlerlos zu Ende. Da helfen seinem Gegner weder verspiegelte Sonnenbrillen, noch regelmäßige Zuckerschübe, noch, dass er mehrfach die Zeit bis auf eine Sekunde ablaufen lässt. Irgendwann ist Schluss, und der 4,5:1,5-Sieg ist in trockenen Tüchern.
Abends geht’s dann stadtwärts. Meine Brüder begleiten uns, Viktoria, Luki und Anna stoßen dazu. Die Stimmung ist ausgelassen, das Ambiente der kubanischen Cocktail-Bar zum Ausklang des Abends genau das richtige.
Samstag. Nach dem Frühstück machen sich die im Hotel wohnenden Valentiner, die an diesem Tag nicht zum Einsatz kommen, zu einem ausgiebigen Stadtspaziergang auf die Söcke. Schlossberg, City, das ganze Touri-Programm. Viele Fotos und ein kräftig leuchtender Sonnenbrand auf Michis Nacken dokumentieren den Ausflug.
Unser heutiger Gegner ist ein harter Brocken. Die Fürstenfelder sind dieses Jahr wohl etwas unter Wert geschlagen. Letztlich werden sie Fünfte. Auch der Tatsache geschuldet, dass sie an diesem letzten Wochenende stets eine Spur schwächer aufstellen als am Tag davor. So rückt etwa Manfred Freitag von Brett 5 (Freitag) über 3 (Samstag gegen uns) auf 2 vor (Sonntag gegen Grieskirchen). Bitte jetzt keine blöden Namenswitze!
Noah ist zum Team gestoßen und auch gleich als erster fertig. Nach symmetrischem Aufbau neutralisieren sich die weißen und schwarzen Drohungen. Das Remis durch Dauerschach ist daher die logische Konsequenz. Alle anderen Partien ziehen sich, gehen oft bis tief ins Endspiel. Ich bin froh, als Alois den Remishafen erreicht. Schließlich war seine Eröffnung vom Nachbarbrett aus nicht anzusehen. Jede eigene (!) aktive Figur wird entweder getauscht oder zieht sich wieder auf die Grundreihe zurück. Ich denke mir, hoffentlich weiß er, was er da spielt. Hoffentlich bin ich der Unwissende, und das alles ist Theorie – selbst wenn es ganz anders aussieht und gegen jede schachliche Grundregel zu verstoßen scheint. Im Nachhinein darf ich erfreut zur Kenntnis nehmen, dass Alois sehr prominenten Spuren gefolgt ist: immerhin jenen von Erigaisi und Jobava! Und er hat sehr wohl gewusst, worauf er sich da einlässt. Insofern ist es gar nicht verwunderlich, dass er zwischendurch sogar einmal auf die Siegerstraße hätte einbiegen können. Flo kann sich gut verteidigen und alle gegnerischen Angriffsbemühungen neutralisieren. Sein Unentschieden kommt mir um einiges logischer vor. Auf Brett 5 habe ich eine meiner typischen Weißpartien. Bauer investiert und Gegner zum langen Nachdenken gebracht – Zeit, die ihm später schmerzlich abgehen wird. Es bleibt stets leicht schlechter für mich, egal, so lange ich meine Angriffschancen aufrechterhalten kann. Wie am Tag davor auf Brett 6 tickt auch bei meinem Gegenüber die Zeit immer wieder auf ein, zwei Sekunden Restzeit runter. Gut, dass ich noch fast eine halbe Stunde habe, um das entscheidende Damenopfer (yes!) sauber durchrechnen zu können. Der erste Sieg ist eingefahren, juhu. Umso erfreulicher, als Jakob dann im Analyseraum zu uns stößt und seinen Sieg verkündet. Da gibt es spontanen Applaus. Der nächste Großmeister auf seiner Liste – von Jakob in großmeisterlicher Manier bezwungen. Stets auf Druck mit vielen versteckten Angriffsmotiven und schwer abzuwehrenden Drohungen. Letztlich sichert er mit diesem Sieg unseren Mannschaftssieg. Was insofern wichtig ist, als Luki zu verlieren scheint. Von Anfang an steht er – trotz Sonnenbrille, haha – gar nicht cool, ja, ziemlich bedenklich. Und plötzlich schafft er es, in ein ausgeglichenes Endspiel abzuwickeln, wo sein Minusbauer (oder waren es deren zwei?) keine Rolle mehr spielt. Damit ist ein unerwartet klarer 4:2-Sieg eingefahren. Leider hat auch Grieskirchen beide Matches gewonnen, das erste am Freitag offenbar mit großem Zittern und viel Glück. Die Schlussrunde könnte aber trotzdem noch alles zu unseren Gunsten drehen. Grieskirchen müsste gegen Fürstenfeld verlieren und wir gegen den ehemaligen Tabellenführer Styria TU Graz gewinnen.
Am Abend zieht es uns wieder in die City. Gut essen und vorsichtig feiern ist angesagt. Ein lauer Abend, den wir bis 22 Uhr im Schanigarten am Glockenspielplatz verbringen. Nice!
Sonntag. Die finale Matinee. Diesmal wieder mit Reini und Noah auf den hinteren Brettern. Unser Gegner Styria TU Graz ist bei weitem nicht mehr so gut aufgestellt wie in den Runden eins bis acht. Offenbar geben sie sich mit dem Erreichten zufrieden. Wer glaubt, dass wir deshalb als große Favoriten ins Rennen gehen oder dass es gar ein leichtes wird, die Grazer zu biegen, der irrt gewaltig. Zumal es eine ganze Menge an komplizierten, nur schwer zu durchschauenden Matches gibt. Als erstes ist Reini fertig. Leider muss man sagen. In einer seiner Leib- und Magenvarianten verliert er bald den Durchblick und nach einigen Rechenfehlern auch die Partie. Dem Gegner sei zu seinem schönen taktischen Schlag gratuliert. Flo ist der nächste. Er stiehlt einen Bauer, gerät allerdings auf dem Königsflügel unter Beschuss. Mit einem netten Opfer erzwingt Schwarz das Dauerschach. Remis. Dann ist lange Pause mit weiteren Ergebnissen – wir sind längst im Zug nach Hause und blicken gespannt auf chess-results.com. Also versuchen wir die erinnerten Stellungen zu rekonstruieren und zu analysieren. Es heißt: bei Jakob ist alles drinnen, Luki sollte gewinnen, bei Alois sieht es gar nicht gut aus, dafür sollte Noah den Gewinnweg finden. Ein bisschen anders kommt es dann doch. Zwar verliert Alois tatsächlich gegen seinen Angstgegner, laut eigener Aussage spielt er „eine katastrophale Partie“, wobei ihm die gegnerischen Fehler helfen, trotz Zeitnot und erheblichem Nachteil im Spiel zu bleiben. Irgendwann ist in diesem steten Auf und Ab der letzte Fehler gemacht und die Partie zugunsten des Grazers entschieden. Dafür schafft es Jakob, eine schier aussichtslose Stellung noch zu drehen. Erst wogt es hin und her. Beide spielen auf Sieg, beide riskieren, Jakob noch etwas mehr. Er opfert (zu) optimistisch die Qualität, sein Gegner hält solide dagegen und verunmöglicht Jakobs Gewinnpläne. Als sich die Wogen glätten und nach langem Kampf erstmals eine recht übersichtliche Gewinnstellung für Weiß am Brett ist, greift dieser so was von fehl und verhilft Jakob und uns zu einem ganzen Punkt. Dann schafft es auch noch Noah, sein Damenendspiel zum Sieg zu führen. Ein feiner Sieg, entstanden aus druckvollem Spiel aus der Eröffnung heraus unter Investition eines Bäuerchens. Stets den Gegner vor Aufgaben gestellt, ihn nie ganz durchschnaufen lassen. Sehr schön. Weniger erbaulich dann das Ende bei Luki. Da plagt er sich stolze 115 Züge lang, nachdem er in beiderseitiger Zeitnot das ungenaue gegnerische Spiel gut ausgenützt hat, in die gegnerischen Gefilde eingedrungen ist und einen Bauern stibitzt hat. Peter, Joachim und Michi sind völlig von den Socken, als das noch ein Remis wird.
Nun, so ist es letztlich ein – für uns in Summe glückliches – 3:3 zum Abschluss. Damit ist der zweite Platz fixiert, Neuhofen und Styria sind auf Distanz gehalten. Letztlich hätte uns auch ein Mannschaftssieg nicht zum Meistertitel gereicht, denn Grieskirchen gewinnt gegen Fürstenfeld. Zwar deutlich knapper als erwartet, aber doch souverän. Große Gratulation an den verdienten Meister!
Endstand
Wir (respektive die Bundesliga-Spieler) dürfen mit dieser Saison aber auch überaus zufrieden sein. Wer hätte auch nur ansatzweise zu hoffen gewagt, dass wir ganz vorne mitspielen? Mit nur einem Legionär (der aber auf Brett 1 großartig performt hat, congrats, Laszlo!), das ist deutlich unter dem Ligaschnitt. Wieder mit einem entfesselt spielenden Jakob auf Brett 2 bzw. 1, der Richtung GM-Norm geschnuppert hat (weiter so!). Mit soliden Leistungen aller anderen und sehr ergiebigem Mitwirken unserer aufstrebenden Jungs (cool!). Da kommt Vorfreude auf die nächste Saison auf …!
Um 18 Uhr erreichen wir unseren Zielort Linz. Mit vielen schönen Erinnerungen an ein sehr gelungenes Wochenende im Gepäck. Dazu zählen auch die vielen Züge im Zug und noch wesentlich mehr vor Ort. Graz war definitiv wieder eine Reise wert.
Bericht: Klaus Theuretzbacher
Fotos: Peter Kranzl (mehr)







































